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Glurns - Die Geschichte
 
Sagenhaftes Glurns

Der Name des heutigen Glurns findet sich in Dokumenten, die auf die Zeit zwischen dem 12.Jahrhundert zurückgehen, in recht unterschiedlicher Schreibart: Glurnis, Glurns, Glurnes, Glurnenium. Die damaligen Notare und Schreibgehilfen übertrugen ins Mittelhochdeutsche und ins Lateinische eine vulgärsprachliche Bezeichnung, deren ursprüngliche Bedeutung wahrscheinlich auf einen "Erlengrund" oder noch wörtlicher auf eine "Haselnuß-Au" hinweist.

Diese Definition entspricht haargenau der extremen räumlichen Lage von Glurns: die Stadt gründet auf einem relativ stabilen und konsolidierten Schwemmlandboden, was unter anderem vor der ursprünglich vorhandenen resistenten und langlebigen Birken- und Erlenbewaldung bewiesen wird. Daran erinnern hoch über 100 ha naturbelassene Schwarzerlenauen, nur wenige Kilometer von Glurns entfernt: das Schludernser Biotop auf halbem Weg zwischen Schluderns und Spondinig. Die räumliche Realität des Geländes untermauert die Auslegung der ursprünglichen Bezeichnung, die wahrscheinlich ( aus dem Zusammenwirken zweier Sprachen, des Keltischen und des Rätoromanischen, entstanden ist und einen" Ort im Flußbecken " und/oder als "colurnes, callis arnorum" einen "Erlenweg" beschreibt. Ein Ort jedenfalls, der überhaupt nicht zur festen Besiedlung und noch viel weniger zur Ansiedlung eines komplexen Stadtorganismus einlädt.

Und doch, Glurns besteht und ist beständig, seit vielen Jahrhunderten schon. Zweifelsohne ein historisches und urbanistisches Wunderwerk, auch ein ästetischer Einzelfall, dem immer wieder mit der Frage begegnet wird: "Warum wurde die Stadt ausgerechnet hier erbaut?" Unwillkürlich stellen sich Zweifel und Mutmaßungen ein: Glurns beherrscht den Fluß nicht, wie Städte allgemein, vielmehr scheint es sich, vom Wasser bedrängt, mit den eigenen Mauern dagegen zu wehren: Ein Boot aus Stein, ein eckiges, in den Bergen gestrandetes Schiff. Warum ist gerade an diesem Ort, dem letztmöglichen für ein solches Vorhaben, eine einstmals berühmte Stadt entstanden, die später den kuriosen Rekord erreichte, die geringste städtische Einwohnerzahl Europas aufzuweisen? Als "Letzte Stadt" bezeichnet wegen ihrer geringen Ausmaße und ihrer minimalen Einwohnerzahl; die letzte, weil auch heruntergekommen und verarmt, letzte aber auch als einsamer Vorposten eines Urbansystems in weitem Umkreis, und letzte schließlich, weil mittelalterlich-mythisches Zeugnis eines hinter einem renaissancehaften Mauerkreis verborgenen Organismus. Die einzige von ihren Mauern noch umschlossene Ortschaft Südtirols ist also zum Symbol der Stadt schlechthin aufgestiegen. Glurns hat in seiner Eigenartigkeit, die weder der gängigen Vorstellung von Stadt noch dem allgemeinen Bild einer Alpensiedlung entspricht, bald romantische Phantasien und lyrische Gefühle geweckt. Schon vor mehr als einem Jahrhundert, 1852, fließt in Pfandlers biedermeierlicher Bleistiftzeichnung "Der große Turm mit heiterem Schäferknaben" jenes Schwanken zwischen Heimeligkeit und Unheimlichkeit ein, das unser einfaches und liebenswürdiges, das familiäre aber nicht minder beunruhi­gende Glurns seit jeher kennzeichnet. Eine anonyme Lyrik (wahrscheinlich aus den dreißiger Jahren) spricht von einem Glurns zwischen den Bergen, das sich, ins Tal geduckt, kaum merklich von der Ebene abhebt, und doch so viel, daß ein tiefliegendes Profil, tiefer denn die Tannen, von seiner reinen Bilderexistenz uns kündet... Glurns mit seinem merkwürdigen und widersprüchlichen Charakter; eine eingefriedete, von Mauern umgebene Stadt, die, scheinbar einfach, hinter geträumten wie erstell­ten Mauern jede Überheblichkeit vermissen lässt - eine widersprüchliche Archaik, zu groß um klein und zu klein um groß zu sein.

Wollen wir die Schönheit von Glurns zur Gänze würdigen, dann haben wir Goethe zu folgen, wenn er sagt, das Schöne sei Ausdruck der Gesetze und Zustände der Natur und der Geschichte, die uns ohne sein Erscheinen auf ewig verborgen blieben. Form und Dasein von Glurns, gesehen aus der Per­spektive seiner Künstlichkeit und Fremdheit zur umgebenden Landschaft, finden wir in einer roman­tischen Überlegung bei Schelling: alles was verborgen bleiben sollte, und doch ans Licht kam, ist un­heimlich. Nur wenn wir Glurns in seiner Fremdheit erfassen, können wir es gänzlich in seiner Schön­heit erblicken. Andernfalls bleibt es, weil unverstanden, ein lediglich pittoresker, romantischer Ort. Und da Glurns infolge eines aufwendigen Sanierungsprojektes einem scheinbar unaufhaltsamen Nie­dergang ebenso wie der von kaum mehr als siebenhundert meist älteren Menschen getragenen Subsi­stenzwirtschaft zu entrinnen versucht, schien es mir denn angebracht, Motive und Gründe dieser Stadt neu zu entdecken. Diese Rückgewinnung von Bild und Identität wird ein langer Weg sein, zumal die Geschichte dieser Stadt immer ein ganzes Netzwerk von Orten, Zeitverläufen und überregionalen In­teressenkonstellationen miteinbezieht. So ist selbst die kleinste Stadt noch allemal weitaus komplexer,als das größte Dorf, da sie - damals wie heute - mit der Macht in Verbindung steht. Reduzieren wir diese Idee auf einen einzigen Satz, so lässt sich sagen: Das Dorf ist ein Punkt, die Stadt dagegen eine Li­nie, oder besser, eine Kreuzung von Linien. Einfacher ausgedrückt: Groß oder klein, der Punkt bleibt stets dort, wo er ist, eine Linie hingegen ist theoretisch endlos. Auf dem Punkt (ein Hof, ein Schloss, ein Dorf) schreibt der Fluss der Zeit die Chronik. Auf der Linie dagegen, d.h. auf der Kreuzung der Linien, der Stadt eben, wandelt sich alles, die Ereignisse werden Geschichte, die Tatsachen Symbole, hier entsteht Spannung. Dies ist bereits in der Antike ein geläufiges Denkmuster. So haben beispiels­weise die Ägypter die Stadt symbolisch als durch ein Kreuz in vier Abschnitte geteiltes Quadrat, einer nach außen hin abgegrenzten Kreuzung, dargestellt: -[ + ]-. Die Stadt verfügt somit über beide Eigen­schaften: Sie ist sowohl Punkt als auch eine Kreuzung mehrerer Linien. Sinnfällig wird dies dargestellt durch einen Goldtisch des Kaisers Augustus Oktavianus, auf dem Diamanten bzw. Felskristalle Städte symbolisierten. In jedem dieser kostbaren Steine (Punkte) konnte das einfallende Licht jederzeit eine andere Richtung einschlagen, nach allen möglichen Richtungen fortleuchten und so ein infinites Li­niennetz entwerfen. Wurde nun der Lichteinfall modifiziert oder änderte der Kaiser seinen Standort bzw. Blickwinkel, so erhöhte sich in einigen Kristallen die Leuchtkraft, währenddessen andere - frei­lich nur zeitweise - fast völlig erloschen. Wurde der Standpunkt erneut - wenngleich nur minimal­ - verändert, so leuchteten letztere wieder strahlend auf. Erst diese exemplarische Demonstration der en­gen Beziehung zwischen Stadt und Herrscher, und ein eindrucksvoller Beweis ältester politischer und philosophischer Einsicht, die sich instinktiv in den verschiedenen späteren Herrschern fortsetzte.

Wenn die Herren von Tirol von "Unserer Stadt zu Glurns" schreiben, dann gilt es, gleich hier dieses "Unser" hervorzuheben und die Genugtuung über die enge Besitzbeziehung zu diesem befestigten Kreuzpunkt herauszuhören. Die Chronik berichtet, dass Kaiser Maximilian geweint habe, als er die von den Schweizern 1499 zerstörte Stadt sah. Seine Tränen galten freilich weniger der tausendköpfigen Viehherde, die sie geraubt hatten, weniger auch den fünftausend erschlagenen Landsknechten oder den niedergebrannten Vinschgauer Dörfern, Maximilian weinte vielmehr um Glurns. Er zeigte Schmerz (ohne Scham, was ihm Lob einbrachte) um seine Stadt, seinen Stolz, der, wie man weiß, bei Herrschern unermesslich sein kann. Im 16. Jahrhundert bezahlte Glurns die Ehre, Stadt zu sein, mit der Errichtung jener Stadtmauern, die heute den städtischen Stolz darstellen. Das Wappen unterstrich zwar die Anerkennung der besonderen Beziehung mit dem Herrscher und bedeutete auf der diploma­tischen Ebene eine Deklassierung zum bloßen Ehrenrang; Anerkennung und Ehrenrang jedoch beein­trächtigten - weil eben fester Platz, weil eine Festung nun - die vitalen Interessen der Stadt selbst und die konkreten Bedürfnisse eines Kreuzpunktes und Handelsplatzes. Glurns wird als Sitz der Machtbeziehungen im 16. Jahrhundert eine "ideale Stadt", schön also und unheimlich im Sinne Schellings.

Die Graubündner, die Schweizer und ihre Verbündeten, das Hinterland für Glurns, hatten mit den Habsburgern gebrochen. Eine politische Verschiebung, die für Glurns - wir erinnern an die Kristalle und das Licht - bedeutende ökonomische Folgen hatte: aus dem Zentrum eines Dreiwegs wird ein Dorf, eine verlorene, zusammengedrängte Ortschaft. So hat sich Glurns bereits im 16. Jahrhundert allmählich in einen "Vorort" verwandelt, zu einer im kaiserlichen Interesse befestigten Siedlung, dazu bestimmt, fürderhin nur noch einen lokalen Part zu spielen, ohne Handel und Verkehr.